Wie aus einer Dark Short Story ein Roman über Muster, Grenzflächen und verschiedene Wahrheiten wurde
Kennst du diese Momente, in denen du an die Grenze dessen kommst, was dein bisheriger Erfahrungshorizont so hergibt? Keine Blaupause, kein „So macht man das“, kein inneres Handbuch. Ich hatte davon ein paar. Und offenbar habe ich mir angewöhnt, in solchen Situationen nach Mustern zu suchen: im Chaos, in meiner Umgebung, im Verhalten von Menschen. Hilft nicht immer sofort. Beschäftigt aber zuverlässig mein Gehirn. Besonders spannend finde ich die Momente, in denen die gewohnten Muster eines Menschen nicht mehr ausreichen. Grenzerfahrungen also. Situationen, in denen Kategorien wie richtig und falsch, vernünftig und irrational oder gut und böse plötzlich weniger sauber aussehen als vorher. Jeder handelt schließlich aus seinem eigenen inneren Framework aus Erfahrungen, Erwartungen und Überzeugungen heraus. Je stärker ich versuche, den Blickwinkel eines anderen Menschen einzunehmen, desto eher erkenne ich das Muster, dem er folgt.
Sind Menschen in ihrem Verhalten berechenbar? Diese Frage steckte schon 2017 in meiner Dark Short Story Fraktale Kunst. Mein damaliges Opfer war sogar erfreulich berechenbar: Eine Frau wird nach schwerer Gewalt im Wald gefunden und von da an treibt sie vor allem ein Gedanke: Rache. Sie wird zur skrupellosen Rächerin. Düsterer Stoff. Rache mit Ansage. Dramaturgisch praktisch. Psychologisch irgendwann ziemlich dünn. Genau daran hing ich fest. Ich wollte weder einfach nur aus Sicht einer Rächerin erzählen noch aus Sicht eines Ermittlers, der ihr hinterherjagt. Mir fehlten die Grautöne, die Perspektivwechsel, die Reibung. Also blieb die Geschichte erst einmal, was sie war: ein düsterer Hook. Vielleicht Auftakt für mehr. Vielleicht auch nicht.
Einige Jahre später arbeitete ich auf einem Schiff vor der französischen Küste. Drei Jahre Offshore, vier Wochen an Bord, vier Wochen off. Ein geschlossenes System aus Maschinen, Regelwerken, Schichtbetrieb und Menschen, die nach Feierabend eben nicht einfach nach Hause gehen. Bei 17 Nationalitäten an Bord lernst du ziemlich schnell, dass ein Satz sprachlich völlig korrekt verstanden sein kann und kulturell trotzdem mit Anlauf gegen die Wand fährt. Wir waren also gelegentlich „lost in translation“ nur nicht unbedingt wegen der Sprache. In dieser Zeit begann sich mein Blick auf die Geschichte zu verändern. Vielleicht war sie gar nicht eindimensional. Vielleicht war auch meine Protagonistin nicht eindimensional. Vielleicht konnten verschiedene Perspektiven tatsächlich verschiedene Realitäten erzeugen. Aus der einfachen Rachegeschichte wurde langsam etwas anderes: eine Geschichte aus Fragmenten, Blickwinkeln und Mustern. Und weil ich offensichtlich nicht einfach nur einen Plot bauen kann, entwarf ich Figuren und Handlung mit Hilfe fraktaler Funktionen. Jeder Charakter bekam seine eigene chaotisch-fraktale Logik. Damit stand zumindest das Framework. Beruhigend. Dachte ich.
Aus einer Idee wurde langsam ein echter Plan. Ich begann überhaupt erst wahrzunehmen, dass dieses Buch tatsächlich existieren könnte. Ich erzählte Kollegen und Freunden davon und nahm den Gedanken zunehmend ernst. Was rückblickend ganz gut zu meinem späteren kleinen Sprachproblem passt: Im Französischen nimmt man eine Entscheidung „prendre une décision“. Auf dem Schiff musste ich sowieso lernen, Dinge anzunehmen, hinzunehmen und manchmal schlicht wahrzunehmen, wie sie sind. Bei 88 Männern und sieben Frauen an Bord und eher überschaubarem persönlichem Freiraum war das eine durchaus praktische Fähigkeit. Während einer Quarantäne saß ich zum Beispiel zehn Tage mit Schotten, Engländern und Holländern im Day Room fest. Wir haben das Beste daraus gemacht: Marvel geschaut und Dart geübt. Annehmen und treffen. Damals natürlich völlig ohne literaturwissenschaftlichen Hintergedanken.
Mit dem mathematischen Plot hatte ich irgendwann auch eine Entscheidung gemacht: I made a decision. Ich fing an zu schreiben. Zeitweise sogar auf Englisch, weil mir die Sprache emotional näher erschien. An meinen tatsächlichen Englischkenntnissen ist dieses Experiment dann verhältnismäßig nüchtern gescheitert. Also zurück ins Deutsche. Mit den ersten Texten und meinem mathematischen Rahmen im Gepäck machte ich zusätzlich ein Schreibcoaching. Ich wollte diese Geschichte, die sich inzwischen hartnäckig als ganze Serie in meinem Kopf eingenistet hatte, endlich in die Realität bringen. Ich wollte wissen, wie es weitergeht. Das Problem: Manchmal wusste offenbar auch der Text nicht, wie es weitergeht. Dann hing ich wochenlang an einer Stelle fest. Sehr produktiv fürs Nachdenken. Weniger fürs Fertigwerden.
Im Deutschen nimmt man eine Entscheidung nicht und man macht sie auch nicht. Man trifft sie. Möglichst genau. Idealerweise ins Schwarze. Vielleicht stehen wir Deutschen innerlich tatsächlich alle vor einer Dartscheibe und hoffen auf Bullseye. Meine wichtigste Entscheidung traf ich erst, als ungefähr das halbe Buch geschrieben war, fünf Jahre nachdem ich also mit dem Machen begonnen hatte und neun Jahre nach der ersten Idee: Dieses Buch wird geschrieben. Und wenn ich dafür Hilfe brauche, dann hole ich sie mir. Für jemanden, der Dinge gern lange selbst durchdenkt, war das erstaunlich effizient. Seitdem arbeite ich mit Jakob zusammen. Mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team, jeder bringt seine Stärken mit ein, und die Geschichte wird dadurch nicht nur lebendiger, sondern plötzlich auch schneller. Sehr viel schneller. So schnell, dass aus „dieses eine Buch muss irgendwann fertig werden“ inzwischen eine Trilogie geworden ist. Eskalation kann also auch produktiv sein.
Aus naturwissenschaftlicher Sicht könnte man sagen, ich habe vorher ziemlich viel Energie an der Grenzfläche zwischen Idee und Umsetzung verloren. Umgangssprachlich: Ich kam nicht vom Fleck. Dabei mag ich Grenzflächen eigentlich sehr. Eine Grenzfläche ist schließlich nicht einfach nur die Linie, an der ein System aufhört und das nächste beginnt. Dort findet Wechselwirkung statt. Man sieht das in schäumenden Wellen ebenso wie in einer einzelnen Seifenblase: Die Form eines Systems entsteht auch dadurch, woran es grenzt. Genau deshalb ist dieses Bild für mich nicht nur für Naturwissenschaft, sondern auch für Menschen und Beziehungen so interessant. Wir existieren nicht unabhängig von dem, was uns begegnet. Erfahrungen, Beziehungen und Entscheidungen verändern unsere Grenzen und manchmal auch die Form dessen, was wir für unsere Identität halten.
Das Merkwürdige ist, dass dieses Prinzip inzwischen auf immer mehr Ebenen des Romans wieder auftaucht. Figuren nehmen, machen oder treffen Entscheidungen auf unterschiedliche Weise. Perspektiven verändern die Bedeutung derselben Ereignisse. Täter- und Opferrollen lassen sich nicht aus jedem Blickwinkel gleich eindeutig bestimmen. Selbst die Entstehung des Buches folgt inzwischen verdächtig ähnlichen Mustern. Geplant war das nicht. Je genauer Jakob und ich hinschauen, desto mehr Ebenen entdecken wir. Irgendwann stellten wir in einem unserer Gespräche ziemlich erstaunt fest: Der Thriller hat offenbar ein Eigenleben entwickelt und beschlossen, selbst fraktal zu werden.
Ich habe beschlossen, das vorerst nicht zu verhindern.